Generelle Ziele der Proteomik
| Fast alle
Prozesse, die in den Zellen lebender Organismen ablaufen, beruhen auf der
Wirkung von Proteinen, deren Synthese von den Genen des jeweiligen Genoms
gesteuert wird. Zahlreiche Genomforschungsprojekte haben in verschiedenen
Organismen eine enorme Zahl von Genen strukturell aufgeklärt (im Menschen
etwa 30 000). Die so ermittelten Gesequenzen ermöglichen es, über
den bekannten genetischen Code die Aminosäure-sequenzen zu konstruieren.
Aus ihrer Kenntnis alleine ergibt sich aber noch nicht der Zustand der Proteine,
wie sie in vivo vorliegen. Dies liegt vor allem daran, daß posttrans-lationale
Ereignisse, z.B. Prozessierung, Glykosylierung und andere Modifikationen,
nicht vorhersehbar sind. Somit kann die tatsächliche Proteinausstattung
der Zellen eines Organismus -ihr Proteom- aus dessen Genom prinzipiell nicht
vorausgesagt werden, weil eine Reihe wichtiger Informationen durch die Genomforschung
nicht beigebracht werden kann.
Die wichtigsten Eigenschaften, in denen sich die Proteome der Zellen eines Organismus zu unterschiedlichen Zeitpunkten oder unter dem Einfluß unterschiedlicher Umweltbedingungen unterscheiden können, sind: · die Präsenz oder das Fehlen einzelner Proteine innerhalb der Gesamtheit von typischerweise 10 000 Proteinen pro Zelle; · die quantitativ unterschiedliche Präsenz individueller Proteine über einen weiten Konzentrationsbereich von 102 bis 106 Kopien pro Zelle; · posttranslationale Modifikationen von Proteinen, wie z.B. Phosphorylierungen oder Dephosphorylierungen oder Splicingschritte zur Proteinreifung; · topologische Verteilungsmuster von Proteinen in unterschiedlichen Zellkompartimenten; · Interaktionsmuster von Proteinen Mit dem in stürmischer Entwicklung begriffenen Methodenarsenal der Proteomik wird die Untersuchung dieser Faktoren und Situationen adressiert. Die aktuelle Proteomanalytik basiert auf der hochauflösenden 2D- Gelelektrophorese in Kombination mit hochempfindlichen massenspektrometrischen Verfahren. Großes Potential haben neue Entwicklungen zu Hochdurchsatzverfahren auf der Grundlage chromatographischer Trenntechniken in Verbindung mit massenspektrometrischer Quantifizierung. Die weitgehende Automatisierung ist für eine effektive Proteomanalyse notwendig, wobei auch die Verfügbarkeit immer leistungsfähigerer bioinformatorischer Werkzeuge eine entscheidende Rolle spielt. Die Zusammensetzung von Proteomen kann wichtige Informationen über den Zustand der zugehörigen Zellen oder Gewebe liefern und daher Abhängigkeiten von endogenen, d.h., aus dem Programm der Zelle selbst stammenden Einflüssen, oder exogenen, d.h., umweltbedingten Einflüsswen, aufdecken. Dementsprechend liegen die Hauptanwendungen der Proteomik in folgenden Feldern: ·
Suche nach Proteinen, deren Auftreten oder Fehlen mit Krankheiten (z.B.
Tumorerkrankungen, neurodegenerative Krankheiten) korreliert ist: ·
Aufklärung von biologischen Wirkmechanismen: ·
Erfassung von Medikamentennebenwirkungen: Die Proteomanalyse
hat das Potential, sich zu einer schlagkräftigen Plattformtechnologie
zur Aufklärung physiologischer und pathologischer Vorgänge auf
der Ebene einzelner Proteine, der wichtigsten Gruppe von biologischen
Baustoff- und Werkzeugmolekülen, zu entwickeln. In der momentanen
Post- Genom- Ära können von der Proteomik entscheidende Beiträge
für das gesamt Life Science Umfeld erwartet werden. |